Bahnhofstr15

Eine Bürgerinitiative entsteht

Zeitgeschichtlicher Hintergrund

15 Jahre Gemeinschaft Stadtbild Coburg e. V. -warum wurde dieser Verein im Jahre 1973 gegründet?

Diese Frage läßt sich nur auf dem Hintergrund der Ent­wicklung der Stadtgestaltung in der Bundesrepublik Deutschland seit 1945 beantworten. Die vorstehenden Bilder der gleichen Stadt Coburg zeigen die möglichen Extreme: Eine durch ihre "historischen" Bauten identi­fizierbare im Gegensatz zu einer "modern" gleichge­machten Stadt.

Das Gesicht einer Ortschaft wandelt sich im Laufe der Jahrhunderte. Wie das Gesicht eines Menschen geprägt wird durch die Erlebnisse in den verschiedenen Alters­stufen, so wird das Stadtbild durch vielfältige Er­eignisse geprägt, von seinen Bewohnern bewußt herbei­geführt oder aber leidend hingenommen. Nicht nur denk­malgeschützte Bauten prägen das Gesicht einer Stadt. Dem Großteil des historischen Baubestandes, den anonymen Häusern, fehlt der Eigenwert einer Sehens­würdigkeit; trotzdem sind sie für die Atmosphäre einer Stadt, für die Gestaltung der Straßen und Platzräume ebenso wichtig wie die wenigen Denkmale von besonders hervorgehobener Bedeutung. 

Sicher ist es richtig, daß auch frühere Generationen stets ihre Formen an die Stelle der alten gesetzt haben. Dieser Tatsache verdankt nicht nur die Stadt Coburg Bauten aus mehreren Stilepochen. Niemals aber hatten die dadurch hervorgerufenen Änderungen ähnlich harte Brüche im gewohnten Stadtbild zur Folge, wie dies in der Zeit seit 1945 erlebt wird. 

Zerstörungen durch Krieg und Nachkriegsereignisse gingen am Kern vieler Städte, so auch der Stadt Coburg, weitgehend vorbei. Die Stadt konnte dadurch ihre Identität bis in unsere Zeit hinüberretten.

In den 70er Jahren erfaßte Bürger und Wissenschaftler jedoch die Sorge um den Verlust der Identität deutscher Städte.

Ein Vorreiter dieser Diskussion war Alexander Mitscherlich (Die Unwirtlichkeit unserer Städte, Edition Suhrkamp, 1965/1976). Er  führte aus, jede Stadt sei

"einerseits Ort der Sicherheit, der Produktion, der Be­friedigung vieler Vitalbedürfnisse. Andererseits ist sie der Nährboden, der einzigartige Ort der menschli­chen Bewußtseinsentwicklung - sowohl im Einzelnen wie auf der Gruppenebene als Wir-Bewußtsein. Und in der Tat sind es diese Merkmale, um deren ausge­prägtere, perfektere Darbietung durch die Geschichte gerungen wird. Erinnern wir uns an all die Türme und Mauern, Plätze und Theater, aber auch an die Stadtge­staltung als Ganzes, an die Silhouette Roms, wie sie sich aus dem Sommerdunst der Campagne erhebt, an die Skyline New Yorks bei der Einfahrt in den Hafen. Sie wirken ... als Psychotope - als seelische Ruhepunkte, stellen ein Stück der Selbstvergewisserung für den dar, der dieser Stadt mit verdankt, was er ist. Wer an einem Herbsttag durch Amsterdam oder im Dezember durch Arles oder Venedig wandert, spürt das Unverwechselbare dieser Gebilde. Ob jemand hingegen die Wohnsilos von Ludwigshafen oder von Dortmund vor sich hat, weiß er nur, weil er da- oder dorthin gefahren ist.

Die gestaltete Stadt kann "Heimat" werden, die bloß agglomerierte nicht, denn Heimat verlangt Markierungen der Identität eines Ortes."

(Mitscherich, A., Die Unwirtlichkeit unserer Städte, Edition Suhrkamp, 1965/1976, Seite 14 ff.)

Nach dem Kriege, der Coburg kaum berührt hatte, war diese Stadt noch "einmalig" - im Sinne Mitscherlichs Heimat, die Identität zeigte: Psychotop, ein seeli­scher Ruhepunkt. Erst in den Jahrzehnten nach 1945 begann die allmähliche Zerstörung, langsam, seit den 70er Jahren mit fortschreitendem Tempo. Erst an den Rändern, dann in den Vorstädten setzte die gleichma­chende Modernisierung ein, die sich über die zur Stadtmitte führenden Straßen bis zum Zentrum weiter­fraß, um in den Jahren nach 1970 die Innenstadt zu er­reichen. Vorläufiger Schlußpunkt in dieser Entwicklung ist die Vernichtung des Altstadtquartiers zwischen Ketschen- und Rosengasse durch das Gebäude des C&A-Kaufhauses und der geplante Neubau eines Ämtergebäudes zwischen Morizkirche und Unterer Anlage beim end­gültig beschlossenen Abbruch der Ratsschule. Die Pla­nungen zielen weiter auf das Herz der Stadt mit dem Bau einer Tiefgarage unter dem Schloßplatz, an dem sie vor allem durch die technischen Einrichtungen der Zu-und Abfahrten, durch die Zu- und Ausgänge sowie die Zu- und Abluftschächte "Bauen als Umweltzerstörung" betreiben:

"Die Dynamik des Verkehrs stört und zerstört somit die Statik der Bauten und Plätze ... In den Kernen der ge­wachsenen Städte zerstört das Auto die letzten Oasen des einstigen Da-Seins."

(Keller, Rolf: Bauen als Umweltzerstörung, Verlag Artemis, Zürich, 5. Auflage 1977, Seite 87.) 

Dieter Bartetzko faßt die bauliche Entwicklung nach dem Kriege beim Nachdenken über die "von (Primitiv-) Funktionalismen anonymisierte, zerstörte Stadt" so zu­sammen:

"Ihren Inbegriff bot bis vor wenigen Jahren die Bau­landschaft der Bundesrepublik. Der Wiederaufbau unter dem Diktum der Moderne drohte, die Individualität der Städte auszulöschen ... Was dominierte, war Pragmatismus; was gebaut wurde, hat man zu Recht rückblickend als Architektur gewordene Rentabilitätstabelle be­zeichnet."

Diese Gefahren bestanden und bestehen gerade wegen einer stets zeitverschobenen Entwicklung auch in Coburg, das nach dem Wunsch vieler Planer und Ent­scheidungsträger auch künftig mehr und mehr "moderni­siert", d. h. aber gleichgemacht, austauschbar werden sollte.

Coburg  drohte  seine  Unverwechselbarkeit  zu  verlieren.

Dagegen standen die Coburger Bürger auf und entrüste­ten sich, wie dies wiederum von Dieter Bartetzko zu­treffend beschrieben wird:

"Es  sei dahingestellt, ob die Studentenrevolte 1968 Ur­heber auch des städtebaulichen Wandels war. Eines ist festzuhalten: Daß die damaligen Häuserkämpfe, daß Bür­gerinitiativen wider Abriß und Beton-Schematismus in die Tat umsetzten, was 1966 der Untertitel von Alexan­der Mitscherlichs Buch über "Die Unwirtlichkeit der Städte" inseriert hatte - "Anstiftung zum Unfrieden". Mitscherlichs Buch und der streitbare Erfahrungsbe­richt der amerikanischen Soziologin Jane Jacobs über "Tod und Leben großer amerikanischer Städte" bildeten Höhepunkte einer leidenschaftlichen Debatte, die Wolf-Jobst Siedler 196A mit dem brandmarkenden Fazit von der "gemordeten Stadt" eröffnet hatte. Die Weichen waren gestellt."

 

Gründung der Gemeinschaft Stadtbild Coburg e. V.

Wie in der Bundesrepublik allgemein, wuchs auch in Coburg zu Beginn der 70er Jahre die Unzufriedenheit der Bürger mit dem, was mit und in ihrer Stadt geschah. Zu brutal waren die Eingriffe in die gewachsene Bau­substanz; zu deutlich wurde, wie sehr Stadtrat, Bau­verwaltung und Bauherren statt Qualität häufig Quantität förderten, ohne Rücksicht auf das Gesamtgefüge der Stadt.

Aus verschiedenen Aktivitäten, gefördert von verschie­denen Personen entwickelte sich die Gemeinschaft Stadtbild Coburg e. V.

Zu Beginn der 70er Jahre "entdeckten" die Kunsterzieher Robert Reiter und Ralf Britzke, der leider 1977 viel zu früh verstarb, den neugotischen Altstadtring, den "Promenadenring" im Grünen vom Judentor zum Albertsplatz, vom Berliner Platz über den Schloßplatz bis zum Rittersteich, verbunden durch die Untere Anlage. In Zeitungsartikeln und mit den damals sehr beliebten "Coburger Spaziergängen" rückten sie gerade die bis dahin verkannten Bauepochen von Neugotik, Gründerzeit und Jugendstil in das Bewußtsein der Coburger Bürger. Sie wiesen darauf hin, daß sich diese Stilarten nirgends in solcher Geschlossenheit ganzer Stadtviertel finden wie in Coburg. Eindeutig riefen sie daher in ihren Aktionen die Bürger zum Widerstand gegen Abbrüche der Baudenkmäler dieser Epoche und gegen die Zerstörungen des Promenadenrings durch eine Osttangente in Oberer und Unterer Anlage auf. 

In den Jahren 1972/73 erfolgte nach langer, kontrover­ser Debatte der erste Eingriff in die Gründerzeit- und Jugendstilbebauung der Mohrenstraße: Das Tageblatt-Gebäude und der Hofbräusaal wurden abgerissen. Mit olivgrüner, glatter Metallfassade wurde der erste Kaufhof in Coburg an der Ecke Mohrenstraße / Hindenburgstraße errichtet.

Nach Fertigstellung erst erkannten Verantwortliche und Bürger, welch schwerwiegende Bausünde dem Stadtbild angetan worden war. Gerade die Genehmigung dieses Bau­werks brachte die Bürger gegen die städtischen Pla­nungen auf, die bis dahin in naivem Vertrauen un­kritisch angenommen worden waren. 

Es folgte - ebenfalls 1972/73 - die lebhafte Diskus­sion um die Erhaltung der sogenannten Spindler-Villa in der Alexandrinenstraße 5. In der "Bauwelt" vom 13. 8. 1973 beschrieb Ulrich Conrads unter dem Titel "Raubbau in Coburg" dieses Ge­bäude wie folgt:

"Ein   einziger Blick auf die Grundrisse genügt, um die besondere Qualität dieses Hauses zu erkennen. Aufriß und Schnitt erhärten das Urteil: Ehedem "suburbane" Villen von solcher Reinheit klassizistischer Bauge­staltung aus den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts kann man in der Bundesrepublik mit der Lupe suchen."

 

Freiherr Wolfram von Erffa setzte sich für die Erhal­tung mit anderen Coburger Bürgern ein. Er verwies auf die prunkvollen Details, vor allem die Reliefs aus Zinkblech, die die teuren Steinornamente ersetzen sollten - vergleichbar den Ornamenten am Marstallgebäude. 

Solche Treibarbeiten aus Zinkblech waren in Coburg an einigen Stellen im 19. Jahrhundert ausgeführt worden – z.B. an der Ehrenburg, am Marstall und an dem Bürgerhaus in der Rosengasse 10 -sonst jedoch waren sie als Architekturschmuck so gut wie unbekannt. 

Der Oberbürgermeister Dr. Wolfgang Stammberger wandte sich gegen die Renovierung und Erhaltung trotz des Wi­derspruchs des Landesamtes für Denkmalspflege. Dies erfordere einen finanziellen Kraftakt, wichtige Projekte müßten zurückgestellt werden, aus wirtschaft­licher Sicht sei die Renovierung nicht vertretbar. Dr. Stammberger ging in die Annalen der Stadt ein, weil er wenige Tage vor Inkrafttreten des Bayer. Denk­malschutzgesetzes diese Villa und das Bürglaßtor ab­reißen ließ, um den "drohenden" Denkmalschutz zu unterlaufen. 

Auch im Jahre 1988 liegt das Grundstück, auf dem die Villa einst stand, immer noch ungenutzt da. Im Jahre 2009 wird es als Parkplatz z.B. für die Angestellten der Justizbehörden genutzt.

Ebenfalls zur Jahreswende 1972/73 begann der Kampf verschiedener Bürger gegen den Abbruch des Barock­hauses Spitalgasse 12, dessen Stuckfassade den Brüdern Bartolomeo und Carlo Domenico Lucchese zugeschrieben wurde, die im Auftrag des Herzogs Albrecht 1697 in der Ehrenburg den Riesensaal und die Hofkirche ausge­schmückt hatten. In einem Zeitungsartikel vom 16./17. 12. 1972 im Coburger Tageblatt "Coburg - Deine Spital­gasse" wies Dr. Karl Keyßner auf die Bedeutung gerade dieses Bauwerks hin. Er holte auch Stellungnahmen aus­wärtiger Kunsthistoriker und Bausachverständiger ein, die insgesamt dem Abbruch widersprachen.

Robert Reiter forderte, die Amputation des Erdgeschos­ses beim Kaufhaus-Neubau zu beseitigen (Neue Presse vom 22. 12. 1973, Seite 13).

Damals war gerade die Wiederverwendung der Atlanten vom Bauherrn zugesagt worden, die auch heute noch fehlen und den Privatgarten des Bauunternehmers in der Finkenau zieren. 

Im Zusammenhang mit dem Kampf um das Haus Spitalgasse 12 muß eines Mannes gedacht werden, der - vor der Gründung der Gemeinschaft Stadtbild Coburg e. V. am 7. 12. 1972 verstorben - dennoch als Vater der Gemein­schaft bezeichnet werden kann:

Heimatpfleger Adalbert Bringmann. 

Der freundliche, überlegen diskutierende Mann, Künstler und Historiker zugleich, konnte, wenn er sein kunsthistorisches Gewissen schlagen hörte, auch konsequent und unbeugsam sein. So kämpfte er mit per­sönlichem Einsatz, verteilte selber Handzettel und Flugblätter, diskutierte, ermahnte, überzeugte. Er konnte bei einem Einsatz unbequem sein, fand aber immer den richtigen Ton, wobei er seinen Idealen und Überzeugungen stets treu blieb. Die Gefährdung der Bauwerke vergangener Zeitalter vor allem durch die Technik sah er klar auf uns zukommen. Er mahnte, wir dürften nicht nur vorwärts leben, sondern müßten auch rückwärts sehen können. Dies waren für ihn nicht nur leere Worte, danach lebte er und dafür kämpfte er, wobei er andere Mitbürger überzeugen und mitreißen konnte.

Britzke, Reiter, Dr. Keyßner, Dr. von Erffa und Bring­mann brachten selbst bis dahin uninteressierte Bürger auf ihre Seite. Ausgehend von den um 1972/73 in immer schnellerer Folge auftretenden, als zerstörerisch empfundenen Baumaßnahmen und Abbrüchen befürchteten viele Bürger, die Stadt könne ihre Persönlichkeit aufs Spiel setzen. Sie befürchteten, Coburg werde in falscher Einschätzung seiner Werte ein überkommenes Kapital für flüchtige, modernistische Tendenzen opfern. Was in Jahrhunderten gewachsen war, sollte nicht in einem Jahrzehnt vernichtet werden.

So stellte in Coburg der Bürgerzorn die Weichen zu einer Bürgerinitiative gegen Abriß und Betonierung der Altstadt.

Nachdem der konkrete AnlaB - der Abbruch des Hauses Spitalgasse 12 und die Errichtung des Kaufhauses Mohren - überholt war, entwickelte sich im Kreise dieser aktiven Bürger die Idee, die Bürgerinitiative in eine feste Institution, einen Mahner zur Erhaltung und zum Schutz des Stadtbildes zu überführen. Und damit war die "Gemeinschaft Stadtbild Coburg e. V." geboren, deren Gründungsurkunde von

Dr. Karl Keyßner, Dr. Ing. Wolfram Freiherr von Erffa, Herbert Appeltshauser, K. Brecht Armbrecht, Johannes Holzberger, Walter Reißig und Andreas Mundt am 10. 4. 1973 unterzeichnet wurde.

Weitere Gründungsmitglieder und Aktive, die einen Auf­ruf an die Coburger Bürger mit unterzeichneten, waren

Dr. Klaus Freiherr von Andrian-Werburg, Ralf Britzke, Albert Freiberg, Dr. Kurt Herold, Friedemann Lysek, Prof. Hans Müller, Friedrich Rauer, Robert Reiter und Walter Schneier. 

Bei der Gründungsveranstaltung waren Oberbürgermeister Dr. Stammberger und Bürgermeister Haubner, Baudirektor Hans-Harro Stitz, Oberbaurat Manfred Schneyer und fast die Hälfte der Stadträte als Gäste anwesend. Der Ober­bürgermeister erklärte seine Freude, einen Partner ge­funden zu haben, der mithelfe, gerade die Probleme der Innenstadt zu diskutieren und zu lösen.

Baudirektor Stitz versprach vertrauensvolle Zusammenarbeit von Stadtverwaltung und interessierten Bürgern sowie bessere Information der Bürger. Der neue Heimatpfle­ger, Kurt Brecht Armbrecht, freute sich über Unter­stützung, die er durch den Arbeitskreis und dessen Partnerschaft mit der Stadtverwaltung erwartete.

Gründungsvorsitzender wurde Dr. Karl Keyßner, Dr. Wolf­ram von Erffa 2. Vorsitzender, Herbert Appeltshauser Kassier und 3. Vorsitzender. Im Jahre 1976 übernahm Dr. Hans-Heinrich Eidt den Vorsitz von dem erkrankten Dr. Keyßner. Nach dem Tode des 2. Vorsitzenden von Erffa stellte sich der Architekt G. W. Peetz zur Verfügung, der jedoch zur Vermeidung eines Interessenkonfliktes im Jahre 1985 zurücktrat, als seine Sozietät mit der Pla­nung der Schloßplatz-Tiefgarage beauftragt wurde. Um ihn von seinen vielfältigen Belastungen freizustel­len, ernannte die Mitgliederversammlung im März 1986 den verdienten Herbert Appeltshauser zum Ehrenvor­sitzenden und wählte Architekt Stephan Zapf zum 2. und Ernst Kienel zum 3. Vorsitzenden und Kassier.

Der Zeitungs-Aufruf zur Gründung der Gemeinschaft, die sich Unterstützung bei den Altstadtfreunden in Nürnberg und Bamberg gesucht hatte, lautete:

An die Coburger Bürger

In einem bisher nicht dagewesenen Tempo wird die bauliche Gestalt un­serer Städte verändert. Von diesen Veränderungen sind besonders die hi­storisch gewachsenen Straßen und Plätze im Stadtinnern betroffen. Hier bedürfen überalterte Bauteile der Sa­nierung — aber sinnvolle Stadtsanie­rung bedeutet nicht Abreißen und Neubauen, sondern sorgfältiges Ab­wägen heutiger Bedürfnisse und mo­dernen Gestaltungswillens gegenüber dem Gebot der Erhaltung dessen, was das Gesicht der gewachsenen Stadt ausmacht.

In diesen Fragen ist jeder Bürger der Stadt sachlich zuständig und zur Mitarbeit aufgerufen. Der Mensch, der die Stadt bewohnt oder in ihr aus-und eingeht, wünscht sich die Ver­trautheit mit seiner Umwelt zu erhal­ten. Aus einer langen baugeschichtlichen Entwicklung ist das heutige Co-burg geworden, das mancherlei glück­lichen Umständen, nicht zuletzt auch einem gütigen Geschick im letzten Weltkrieg, „die bisher ungestört ein­heitliche innerstädtische Bebauung sei­ner Straßenzüge und Plätze" (Prof. Günther Grundmann) verdankt. Dazu gehört die hochinteressante mittel­alterliche Stadtanlage ebenso wie die Reihe monumentaler Renaissancebauwerke, die Vielzahl an fränkischen Fachwerkbauten und Bürgerhäusern verschiedener Stile ebenso wie der neugotische Bebauungsring oder die Architektonik des Jugendstils. Alles zusammen macht die Unverwechselbarkeit unserer Stadt Coburg aus. Bauliche Eingriffe an markanten Stellen können unversehens zu emp­findlichen Störungen und Verödungen des Gesamtbildes führen. Der Bürger sollte nicht über beruflicher Inan­spruchnahme oder über der Flucht aus der Stadt (z. B. zum Feierabend oder zum Urlaub) es versäumen, bei den Entscheidungen über das bauliche Ge­sicht seiner Stadt mit dabei zu sein. Er würde ein Bauwerk dann vermis­sen, wenn es gefallen ist, und würde zu spät merken, welcher Erlebniswert verloren gegangen ist, nämlich zu­gleich ein Stück Attraktivität der Stadt für den Fremden und ein Stück Heimatgefühl für den Bürger! Spätere Generationen hätten kein Verständnis für uns, wenn im Bild der Stadt Wert­volles oder Einmaliges unwiderbringlich preisgegeben würde.

Eine Gruppe Coburger Bürger hat sich in diesem Sinne zu einer Gemein­schaft „Stadtbild Coburg" zusammen­gefunden und möchte breitere Kreise für städtebauliche Belange interessie-ren und zur Mitsprache anregen. Wir halten — auch im Blick auf die Bür­gerinitiativen in anderen Städten — die Gründung eines Bürgervereins für sinnvoll, dem dann die Aufgabe er­wächst, das Baugeschehen im ganzen Stadtgebiet aufmerksam und kritisch zu verfolgen, zu Einzelfragen Stellung zu nehmen und sich vor allem für die Erhaltung der historischen Substanz im Interesse aller Bürger einzusetzen. Der Heimatpfleger, der dieselben Ziele sozusagen von Amtswegen verfolgt, kann wirkungsvoller arbeiten, wenn er zahlreiche Bürger hinter sich hat. Schließlich wird ein solches Engage­ment der Bürger seine Wirkung auf die oft schwierige persönliche Ent­scheidung des einzelnen Stadtrats nicht verfehlen.

Auch die Sorge um die historischen Parkanlagen, um Grünflächen und Spazierwege verdient einbezogen zu werden, ein Gebiet, auf dem der Na­turschutzbeauftragte ebenfalls Unter­stützung durch die Bürger braucht.

Wir bitten Sie daher: Erklären Sie jetzt schon Ihren Beitritt zu dieser auch in Coburg notwendigen Bürger­vereinigung! 

Mit der Gründung des Vereins "Gemeinschaft Stadtbild Coburg" war etwas bewirkt worden: Eine Bürger­initiative, die sich das Recht nahm, die Beschlüsse der Verantwortlichen in Stadtrat und Verwaltung kri­tisch zu beobachten. Leider blieb es nicht lange bei den Zusagen vertrauensvoller Zusammenarbeit. Schon bald bildeten sich zwei Lager: 

Das eine, repräsentiert durch Bürgermeister und große Teile des Stadtrats, verfolgte weiter einen Rezeptweg, der sich an vergangenen Wachstumsjahren orientierte. Man war mit dem bisher eingeschlagenen Weg zufrieden und wünschte weder Kritik noch Kursänderung. Der Be­griff Sanierung bedeutete nicht mehr Heilung und Kor­rektur einer Fehlentwicklung, sondern weitgehend Zer­störung gewachsener Strukturen. 

Das andere Lager, die wachsende Gruppe kritisch mit­denkender Bürger, war nicht bereit, weiter diesen vor­gegebenen Konzepten nachzufolgen. Sie wollten grund­sätzlich eine Umkehr in städtebaulicher Hinsicht, forderten Neubesinnung und Achtung der überlieferten Werte.

Stadtverwaltung und Stadtrat behandelten die Gemein­schaft und den verdienten Gründungsvorsitzenden Dr. Karl Keyßner entsprechend der Entstehungsgeschichte aus der Tradition einer kritischen Bürgerinitiative: Mit Spott, Ablehnung und aus Unkenntnis als Störenfried. Bald diffamierte der damalige Oberbürger­meister Dr. Stammberger die Mitglieder als "Fas­sadenglotzer" und als "Käseglöckner", weil sie angeb­lich alle Bauten unter eine Käseglocke setzen wollten.

Selbst Dr. Keyßner, ein Mann der Ruhe, der Ordnung und des Ausgleichs, wurde durch die Aggressivität und Ab­lehnung aus dem Rathaus der Stadt Coburg oft zu zornig-erregten Engagement gebracht. Seine Kritik, seine Warnungen und Mahnungen blieben jedoch weitgehend ungehört. Wie richtig seine Einwendungen waren, wurde jedoch erst viele Jahre später erkannt. Dies gilt für seinen Kampf gegen den Abbruch des Alexandrinenbades, von dem heute nur noch der Porti­kusbau als Mahnmal geblieben ist. Wenige Jahre später bedauerte ein Stadtrat diesen Abbruch und wies darauf hin, man habe damals nicht das "heutige Bewußtsein" gehabt.

Dies gilt für seine Warnungen bei der Beschneidung des Angers durch die Sporthalle. 1987 wurde er von Ober­bürgermeister Höhn selbst bestätigt, der diesen Bau als Planungsfehler bezeichnete.

Dies gilt aber auch für die weiteren Eingriffe in das Stadtbild, wie den Abbruch des Zollhofgebäudes für die Coburger Sparkassen und viele andere mehr.

Der Entwicklung "Haus für Haus stirbt Dein Zuhause" wirkte die Gemeinschaft Stadtbild Coburg trotz der oft negativen Einstellung ihrer Arbeit gegenüber entgegen, der Satzung und dem verpflichtenden Beispiel des 1978 verstorbenen Dr. Keyßner folgend. Dem kommt ein gewis­ser Bewußtseinswandel entgegen, denn zumindest verbal wird die Idee des Denkmalschutzes auch in Stadtverwal­tung, Stadtrat, Bausenat und Öffentlichkeit verfolgt, wenn auch die Praxis leider oft das Gegenteil beweist.

Dennoch wird hier noch viel Arbeit und Bewußtseinsbildung erforderlich sein, bis die Forderungen Mitscherlichs und anderer Mahner Allgemeingut werden und bis Begriffe wie "Stadt-Reparatur", "Stadtbildpflege", "Bauen in der Lücke" allen geläufig und für die Baube­hörden und Entscheidungsgremien zu Entscheidungsgrund­lagen geworden sind.