schnuerspavillon

Für die Gemeinschaft Stadtbild Coburg e.V. nahm der 1. Vorsitzende Dr. Hans-Heinrich Eidt an der Versammlung des Denkmalsnetzes Bayern zur Unterzeichnung der "Tutzinger Erklärung" am Freitag, dem 13.01.2012 um 16.00 Uhr teil. Im Schloß der Evangelischen Akademie in Tutzing waren zwischen 60 bis 80 Vertreter der verschiedensten Initiativen in Bayern versammelt, z.B. Forum und Stadtbild Regensburg, die Altstadtfreunde Nürnberg, die Bürgerinitiative zum Schutz der Jurahäuser, der Verein zum Schutz des Östlichen Starnberger Sees u.v.a. mehr. 

Das Denkmalnetz Bayern geht auf einen Zusammenschluss Bayerischer Bürgerinitiativen zurück, die sich alle im weitesten Sinne mit Denkmalschutz und Denkmalpflege beschäftigen und ehrenamtlich tätig sind. Sie begründeten am 13. Januar 2012 in der Evangelischen Akademie Tutzing einen Arbeitskreis zur Betreuung der Website "denkmalnetzbayern.de", die am 15. April 2012 online gestellt werden soll. Gleichzeitig wurde die "Tutzinger Erklärung" von den Anwesenden unterzeichnet, in der die Absichten der bürgerschaftlichen Denkmalpflege formuliert sind. Der bekannte Fernsehjournalist und Filmemacher Dieter Wieland hielt ein Mut machendes Eingangsreferat und begrüßte das neue bayerische Netzwerk.

Beim Aufruf zur Unterzeichnung standen die Vertreter der verschiedenen Initiativen in einer durch den ganzen Saal reichenden Schlange, bis endlich jeder einzelne seine Unterschrift leisten und sich der Erklärung und damit deren Zielen anschließen konnte:

 

Die "Tutzinger Erklärung" zur bürgerschaftlichen Denkmalpflege

Über folgende Thesen und Ziele sind sich die Bürgerinitiativen aus Bayern einig:

Bürgerschaftliche Denkmalpflege

Heimat, Wohn- und Arbeitsort, Sehenswürdigkeit: Denkmale haben vielfältige Bedeutung für jeden Bürger. Sie sind identitätsstiftende Erinnerungsorte, Zeugnisse historischer Baukultur und raumprägende Elemente unserer gebauten Umwelt; die Bewahrung von historischer Bausubstanz und Siedlungsstruktur trägt zu einer sozial, ökonomisch und ökologisch nachhaltigen Entwicklung bei. Schutz, Erhaltung und Pflege von Denkmalen sind deswegen Aufgaben der ganzen Gesellschaft, nicht nur von Staat und Eigentümern. Folgerichtig gewinnt bürgerschaftliches Engagement im Bereich des Denkmalschutzes zunehmend an Bedeutung. Um dieses Potenzial für die Allgemeinheit fruchtbar zu machen, braucht es ein geeignetes Umfeld: Kompetente und starke Behörden, Sensibilität und Fachkenntnis in Politik und Verwaltung, geeignete Verfahren und Förderstrukturen.

Als ein Netzwerk von Bürgerinitiativen wird für die bürgerschaftliche Denkmalpflege daher eine entscheidende Verbesserung der Rahmenbedingungen gewünscht.

Partnerschaft

Bürgerschaftliche Initiativen sind kompetente Partner für die staatliche Denkmalpflege. Vielfach finden sich vor Ort Experten für die lokale Geschichte und die bauliche Entwicklung von Dörfern, Städten und Siedlungen, die in maßgeblicher Weise denkmalfachliches Wissen beisteuern können. Als engagierte Bürgerinnen und Bürger wird die Bereitschaft bekanntgegeben, für die Denkmäler Engagement und Arbeitszeit aufzubringen und vor Ort für Erhalt und Pflege Einsatz zu zeigen. Dabei bleibt die staatliche Denkmalpflege unverzichtbar und muss rechtlich und finanziell wieder gestärkt werden. Die staatliche Denkmalpflege und die Politik wird eingeladen, auch in strittigen Punkten verstärkt mit den Initiativen in Dialog zu treten, z.B. bei der Beurteilung der Denkmalwürdigkeit von Gebäuden oder Stadtstrukturen, oder in der Bauberatung. Darüber hinaus muss die vor Ort vorhandene Kompetenz im Denkmalbereich besser vernetzt werden, etwa durch eine Liste freiwilliger Ansprechpartner (z.B. Eigentümer, Handwerker, Architekten).

Beteiligung und Verfahren

Um aktiv werden zu können, wird eine größere Transparenz von Verfahren und eine bessere Bürgerbeteiligung, sowie ein erhöhte Dialogbereitschaft von Politik und Behörden - im Bau- und Planungs-, aber auch im Denkmalrecht gefordert. Eine frühzeitige und anschauliche Ankündigung von Planungen auch gegenüber Bürgerinitiativen, rechtlich verankerte Mitsprachemöglichkeiten und Einführung der Verbandsklage auch für Organisationen der Denkmalpflege etwa sind hierzu wichtige Ansätze. Denkmalschutz hat Verfassungsrang und ist Verfassungsauftrag, deswegen müssen der Vollzug des Denkmalrechts und die Fachbehörden wieder gestärkt werden; besonders wichtig wäre z.B. in Bayern die Wiedereinführung des Dissensverfahrens.

Förderung

Bürgerschaftliches Engagement kann zusätzlich zu den bislang zugänglichen Mitteln neue Finanzierungsquellen für Denkmale erschließen. Hierfür benötigt es aber selbst oft eine gewisse Anschubfinanzierung. Neben der Förderung baulicher Maßnahmen wird eine institutionelle Unterstützung von bürgerschaftlichen Initiativen in ihrem breiten Engagement gefordert. Neben der Beibehaltung der steuerlichen Absetzbarkeit ist eine Stärkung der Zuschussförderung wichtig, da nicht alle Denkmaleigentümer von steuerlicher Unterstützung profitieren. Auch weitere Förderwege, wie z.B. eine Mehrwertsteuerermäßigung für denkmalgerechte Maßnahmen, sind zu prüfen.

Bildung

Bildung ist der Schlüssel für eine größere Akzeptanz und ein besseres Verständnis für die Denkmalpflege als eine wichtige gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Ortsgeschichte, Architekturgeschichte und Denkmalpflege müssen daher besser in schulischen Lehrplänen sowie in der Architekten- und Handwerkerausbildung verankert werden. Auch ein Weiterbildungsangebot, z.B. für Kommunalpolitiker, Verwaltungsmitarbeiter und Denkmaleigentümer wäre wünschenswert. Die Bürgerinitiativen bieten sich hierfür als Partner an.

Um das gebaute kulturelle Erbe als unverzichtbare Grundlage einer lebenswerten Zukunft zu erhalten, bedarf es einer neuen Kultur der Gemeinsamkeit.

Aussprache und Diskussion

Nach diesem förmlichen Akt gab es noch Gelegenheit zur Information und Diskussion. Hier wurde vor allem dem Sprecherrat aufgegeben, sich um vermehrte bürgerschaftliche Beteiligung zu bemühen. Vor allem wurde gefordert, wie im Naturschutz eine Verbandsklage einzuführen, damit unmittelbar auch Projekte aufgegriffen werden könnten, die der einzelne Bürger nicht aufgreifen kann oder will.

Insgesamt wird dier Veröffentlichung der Homepage erwartet, weil sich dort eine Zusammenarbeit der verschiedenen Gruppierungen erreichen läßt. Jede Gruppe soll dort auch ihre Probleme und ihre Erfolge darstellen, so daß andere Gruppen auf die Erfahrungen zurückgreifen können.

Die gesamte Versammlung ließ neue Hoffnung für eine Stärkung des Denkmalsschutzgedankens aufkommen. Erfreulich war das Zusammentreffen und Wiederfinden alter Mitstreiter aus den letzten 20 Jahren, aber auch die Bekanntschaft mit neuen Menschen, die sich ehrenamtlich um kleine und große Projekte der Erhaltung unserer Denkmäler und unserer Kultur einzusetzen bereit sind.

Bericht von Dr. Hans-H. Eidt